Die Ladenhüterin – Sayaka Murata

Processed with VSCO with q10 preset
Loading Likes...

Keiko ist 36 Jahre alt, unverheiratet und Aushilfe in einem Konbini, einem japanischen Supermarkt. Das sie deshalb mit so einigen Kommentaren rechnen muss, ist damit klar. Immerhin sollte man nach Ansicht der japanischen Gesellschaft zumindest mit Mitte 30, eine Familie haben oder einen angesehenen Job. Im Idealfall sogar beides. Keiko ist das aber eigentlich sehr egal, denn Gefühle sind für sie nahezu fremd. Stattdessen hat sie es sich zur Lebensaufgabe gemacht sich anzupassen und in die Gesellschaft einzufügen. Das funktioniert alles auch einigermaßen gut, bis eine neue Aushilfe im Laden anfängt, Shiraha, der seine eigenen sozialen Probleme mit sich bringt.

 

POSITIV

Sollte man sich wirklich den Wünschen der Gesellschaft anpassen? Das ist wohl die Frage die mich während des gesamten Buches verfolgt hat. Gleichzeitig führte mir die Autorin aber auch vor Augen, was passiert wenn man sich eben nicht anpasst und zwar in Form von Shiraha. Ich hatte also die gesamte Zeit diese zwei Extreme im Kopf: Anpassen, egal zu welchem Preis oder aus der Reihe fallen und als Einsiedler leben. Das Buch birgt definitiv sehr viele tief gehende Fragen, mit der man sich sehr lange befassen kann und vermutlich trotzdem zu keiner richtigen Antwort kommen wird.

Keiko sollte mit ihren 36 Jahren bereits verheiratet sein, Kinder haben und im Idealfall auch noch Vollzeit arbeiten. Das zumindest sagt die Gesellschaft. Keiko selbst mit ihrem Aushilfsjob, der winzig kleinen Wohnung und dem kleinen sozialen Umfeld, dass sie hat, zufrieden. Vielleicht ist das schwer nachzuvollziehen für uns, und vielleicht wird sich der ein oder andere Leser deshalb nicht mit der Protagonistin anfreunden können. Ich aber konnte es, Keiko ist mir sogar ziemlich ans Herz gewachsen. Nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, habe ich eine Hauptperson erwartet, die kalt ist und immer wieder darauf hinweist, dass sie nichts empfindet. Vermutlich liegt das daran, dass die einzigen gefühllosen Charaktere, die ich kenne, aus Krimis oder Thriller stammen. Aber Keiko ist eben nicht so. Sie empfindet vielleicht nichts, aber deswegen kam sie mir trotzdem nicht kalt vor. Die Autorin verzichtet schlichtweg auf Bekundungen der nicht vorhandenen Gefühle, und beschreibt aus Sicht von Keiko eben alles so, wie es eine gefühllose Person eben sieht: Ohne Gefühle. Den Fokus auf Logik und Verstand gerichtet.

Quelle: Amazon

Shiraha auf der anderen Seite wirkt genau so wie man sich einen sozial inkompetenten Schmarotzer eben vorstellt. Unsympathisch und eklig. Das er natürlich ein absolut festes Bild bezüglich der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau hat, ist klar, trotzdem lässt er sich aber gerne mal aushalten. Aber auch hier konnte die Autorin viele Bonuspunkte sammeln, denn trotz des eher unsymapthischen Charakters, schafft sie es Shiraha trotzdem nicht nur als Ekelpaket darzustellen. Sondern eben als den verwunderlichen Typen, denn wir alle schon mal irgendwo getroffen haben. Er wirkt einfach ebenso realistisch und durchdacht wie Keiko, und das obwohl bei alles andere als normal sind.

Bereits von der ersten Seite viel mehr außerdem der sehr angenehme Schreibstil auf. Er hatte für mich etwas weiches, angenehmes, der zum weiterlesen verleitet. Dadurch liest man sogar den Tagesablauf von Keiko gerne, obwohl dieser hin und wieder etwas langweilig ist. Die Autorin neigt dazu die Dinge sachlich und detailiert zu beschreiben, was für mich absolut zur Keikos Sicht passt und den Charakter für mich noch perfektioniert.

 

NEGATIV

Auf der anderen Seite störten mich dafür die unzähligen Wiederholungen von Shirahs Ansichten über die Gesellschaft. Irgendwie passte es zwar zu seinem Charakter, aber vielleicht hätte man doch die ein oder andere Stelle etwas abkürzen können.

Sehr schade fand ich die fehlende Wendung. Die Geschichte fliest, wenn auch sehr angenehm, vor sich hin und hat auch ein Ende, was wirklich zum Nachdenken anregt. Aber tatsächliche Wendung kommt nicht. Ich persönlich hätte mir einfach noch einen großen Knall gewünscht, beispielsweise der Aufstieg zum Vollzeitjob oder eine Aussprache mit der Familie.

FAZIT

Ein unglaublich gut geschriebenes Buch, mit sehr ausgefeilten und überzeugenden Charakteren und einer Thematik, die den Leser langen beschäftigen kann. Lediglich an einer interessanten Wendung hat es gefehlt.

 

WEITERE REZENSENTEN

Schreibt mir gerne den Link zur eurer Rezension in die Kommentare, wenn ihr hir aufgelistet werden möchtet.

 

 

Kaufen?*

 

Danke an Netgalley und den Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Posts

1 Kommentare

  1. Pingback: Wochenrückblick Nr. 1

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ich bin damit einverstanden, dass mein Name, meine E-Mail und der Inhalt meines Kommentars gespeichert werden. (Mehr dazu in der Datenschutzerklärung)